Ich sehne mich nach dem 27. September. Dann hat dieser unsägliche Wahlkampf endlich ein Ende. Wenn Angela Merkel im Schlafwagen durch das Land zieht, Frank-Walter Steinmeier die Rolle als Prinz Valium in Spaceballs 2 angeboten bekommt, dann ist das aber nicht der Grund. Wir veröffentlichen auf F!XMBR ja nun seit Jahren den einen oder anderen politischen Artikel. Manchmal gibt es heftige Reaktionen und Diskussionen, manchmal passiert gar nichts - wie das mit dem Publizieren halt so ist. Business as usual.
Im Moment ist es fast gänzlich anders, und das nun schon seit Wochen. Egal, ob wir über die CDU schreiben, die SPD, Linke, Grünen oder FDP, noch schlimmer sind die Piraten, es fallen nichtssagende, unverschämte und beleidigende Kommentatoren über uns her, die teilweise platte Wahlkampfsprüche absondern, die eigene Blödheit wird in die Welt geschrien - der oft zitierte Deppenkommentar wird noch um ein Vielfaches unterboten. Dagegen sind unsere Damen und Herren Politiker, egal aus welchem Lager sie stammen, wahre Kommunikations- und Motivationskünstler.
Nur noch knapp vier Wochen, dann hört das endlich wieder auf. Hoffe ich zumindest. Das hat mit Demokratisierung nichts zu tun, ebenso wenig mit Politisierung - hier zeigt sich die ganze Volksverdummung im Web 2.0. Schwarmintelligenz kann man das nun wirklich nicht nennen, wenn die einen Parteisoldaten einen Artikel mit Gegenfragen beantwortet, die nichts mit dem Thema zu tun haben, die nächste Partei darauf hinweist, die anderen seien noch viel schlimmer und die nächsten uns persönlich angreifen. Bei vielen Kommentatoren geht es einzig und allein um Google, um auf gut verlinkten Seiten das Parteiprogramm zu hinterlassen. Widerlich.
Wir waren schon alles in den letzten Wochen. Hetzer und Blogger jeglicher Farbe, man hat uns schon jeder einzelnen Partei zugeordnet. Ist es eigentlich so schwer zu verstehen, dass es noch politisch unabhängige Publizisten gibt? Wie eng muss die Welt einiger Parteisoldaten sein, wie einfach gestrickt sind einige Menschen, wenn diese einzig nach dem Motto leben, bist Du nicht für uns, bist du gegen uns.
Das hat nichts mit politischer Diskussion zu tun. Das ist nicht das politische Erwachen des Web 2.0. Es sind kleine Parteisoldaten, die auf ein Pöstchen in der Zukunft hoffen oder unfähige PR-Agenturen. Ich bin froh und glücklich, dass wir seit langer Zeit keine IPs auf F!XMBR speichern, so komme ich auch nicht in die Versuchung, mal ein wenig zu forschen. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich wöchentlich einen ähnlichen Artikel schreiben könnte.
Ich habe nichts gegen politische Diskussionen. Mein Lieblingsonkel sympathisiert mit der FDP. Und? Deswegen ist und bleibt er trotzdem ein ganz toller Mensch, auch wenn wir uns des Öfteren politisch streiten. Kündigungsschutz? Da fliegen Argumente und Inhalte zwischen einem Arbeitnehmer und einem Selbstständigen hin und her. Das geschieht aber auf Augenhöhe und hat weitaus höheren Wert als alles, was ich bisher an Diskussionen im Web erlebt habe. Letzte Woche erging es mir mit Nico Lumma ähnlich. Nico und ich haben ebenso (politsche) Differenzen, auch wenn wir beide im Herzen Sozialdemokraten sind. Er glaubt halt noch an die alte Tante SPD, ich nicht mehr. Deswegen sind wir trotzdem nicht übereinander hergefallen - auch wenn Nico vielleicht mehr Grund dazu gehabt hätte wie ich. ;-)
Politische Diskussionen in Deutschland sind nichts anderes als der gute, alte berühmt-berüchtigte Browser- oder OS-Flamewar. Ich bekomme ab und zu eine Mail, wieso ich so oft Michael Spreng verlinke, er sei doch CDU/CSU, konservativ und überhaupt. Ich muss nicht immer mit seinen Ansichten übereinstimmen, ähnlich verhält es sich im Übrigen mit den NachDenkSeiten, aber Spreng, Müller und Lieb, das ist ein Niveau, was nicht ein einziger Blogger in Deutschland erreicht. Von all den Kommentatoren völlig abgesehen. Und bevor Jemand aufschreit: Auch wir erreichen dieses Niveau nicht, sind wir oftmals doch einfach zu emotional und nicht pragmatisch genug. Zudem führen wir nur eine kleine Privatpublikation.
Die Medien, oft kritisiert und noch öfter belächelt, müssen sich um dieses Web 2.0 in Deutschland keine Sorgen machen. Da wächst keine Konkurrenz an, nicht einmal im Ansatz. Und für die viel zitierte Ergänzung fehlt Deutschlands Social Web noch eine Menge. Was war es doch für eine ruhige Welt, als es wenige politische Blogger in Deutschland gab, immer wieder die Frage gestellt wurde, wo denn die wirklich wichtigen (politischen) Fragen im Web diskutiert werden würden. Die Reaktionen auf Ursula von der Leyen, die Netzsperren und diesen Bundestagswahlkampf beweisen, man will es gar nicht wissen.
Manchmal denke ich mir, es wäre das beste die Kommentare komplett zu schließen. Doch dann würden mir unsere Stammleser fehlen, zu denen man schon seit Jahren Kontakt hat. Es wäre der falsche Ansatz, ihnen würde man dann auch die Tür zugeschlagen. So bleibt nur, noch vier Wochen durchzuhalten, unsere rigide Kommentarpolitik weiter durchzuziehen und den schlimmsten Sondermüll gemäß der F!XMBR'schen Konvention zu entsorgen. Manchmal ist es reiner Selbstschutz.
Deutschland ist netzpolitisch ein Entwicklungsland.
Nicht nur von den Damen und Herren der Politik her.